Rust in Peace.



Die beiden freundlichen Ranger werfen zunächst einen prüfenden Blick auf unseren 4x4, bevor Sie uns den kürzesten Weg nach Jerome weisen: Allrad? Check. Untersetzungsgetriebe? Check. Differenzialsperre? Check.

Dann schicken sie uns 70 Kilometer weit südwärts über den roten Staub und Stein Arizonas, und teilweise muss ich auf den felsübersäten Dirt Tracks mit dem eingebauten Kompass navigieren, um nicht irgendwo am anderen Ende der Coconino-Wildnis zu landen.

Eigentlich wollten wir in die ehemalige Minen- und Geisterstadt reisen, um einen Typen aufzusuchen, den Metal-Fans als Frontman der Band Tool kennen. Allerdings interessieren wir uns in diesem speziellen Fall nicht für seine Musik, sondern für einen ganz speziellen Wein, den der progressive Jungwinzer namens Maynard James Keenan auf seinem kleinen Weingut in der Nähe Jeromes produziert. Und für den man sich schon persönlich nach Jerome bemühen muss, wenn man ein paar Flaschen ergattern will. Aber das ist eigentlich ein ganz anderes Thema.

Als wir uns am frühen Abend über den letzten Pass kämpfen und aus dem Inneren einer roten Staubwolke einen Blick hinunter auf die 1600 m hoch gelegene Minenstadt werfen, kommt völlig überraschend ein ganz anderer Grund ins Bild, unbedingt nach Jerome reisen zu müssen. Etwas, das auf den ersten Blick aussieht wie eine Mischung aus Geisterstadt und Autofriedhof.

Gold King Mine, Jerome.

Am darauffolgenden Morgen bestätigt der zweite Blick den ersten: Unsere Einschätzung war absolut richtig. Nur deutlich zu kurz gegriffen.

Leichte Trucks mit leichten Gebrauchsspuren.

Über 100 Autos, Maschinen, Trucks und Motorräder hat Don Robertson, Master Mechanic und Besitzer der Gold King Mine, im Lauf der vergangenen Jahrzehnte mit kundiger Hand gesammelt und zwischen die wenigen verbliebenen Holzhäuser und –schuppen gequetscht.

Es handelt sich fast ausschließlich um Modelle, in denen der amerikanische Traum von den ersten automobilen Pioniertagen an durch das Land-der-nicht-mehr-ganz-so-unbegrenzten-Möglichkeiten gereist ist. Sie alle befinden sich in unterschiedlichen Stadien des Vergehens, einige wenige sind top-restauriert, andere nur noch ein rostiger Schatten ihrer selbst. Aber das Unglaubliche ist: Dank Don Robertson sind viele von ihnen fahrbereit.

Amerikaner mit deutschen Wurzeln: Studebaker

Don, mit seinen knapp 70 Jahren ebenfalls den Oldtimern zuzuordnen, fährt zunächst auf einer 42er Harley Davidson mit Lachgaseinspritzung vor, holt aber dann seinen absoluten Liebling aus der Garage: Skinny Minny, eine leichtgewichtige Renn-Harley von 1954, deren mächtiger V-Twin herausfordernd vor sich hin bollert. Grandios.

Don Robertson, Master Mechanic, auf Skinny Minny.

Andere Schätze muss man entdecken, in dem man mit wachen Augen durchs Gelände streift. Begleitet vom einzylindrigen Tuckern einer Maschine aus einem WW2 U-Boot, die jetzt ein altes Sägewerk antreibt, schiebt man sich in die dunkle Ecke einer nur scheinbar maroden Halle, und dann steht man plötzlich in Don's Werkstatt vor einem knallgelben Studebaker Dirt Track Racer, aufgebaut vom Meister himself und angetrieben von einem hubraumstarken 1928er Schulbus-Achtzylinder.

"Eat my dirt!"

In einem anderen Schuppen versteckt sich ein noch erstaunlicheres Schmuckstück: Ein Studebaker Electric von 1902, wahrscheinlich das weltweit einzig verbliebene Modell. Der 48 Volt Westinghouse-Motor von 1887 dreht mit 1750 U/min, bei einer Reisegeschwindigkeit von 20 km/h beträgt die Reichweite knapp 70 Kilometer. Bremsenergie-Rekuperation war bereits vor 110 Jahren serienmäßig, und im sog. Feldschwächebetrieb konnte man die Drehzahl zum Überholen kurzfristig erhöhen.

Zurück in die Zukunft: Studebaker Electric von 1902.

Thomas Edison fuhr übrigens so ein Modell, und er war nicht der einzige. Um 1900 besaßen –abgesehen von den Dampfwagen- rund 40% der Automobile in den USA einen Elektroantrieb, nur 20% waren Benzinmodelle. Das änderte sich erst, als das Starten der Benziner mittels elektrischem Anlasser bequemer, das Tankstellennetz immer dichter und die Benzinpreise immer niedriger wurden.

Don's Faible für alte Studebaker ist nicht zu übersehen.

Kenner der Oldtimer-Szene behaupten, wenn Don seine Sammlung auf eine Auktion geben würde, wäre er auf einem Schlag mehrfacher Millionär. „Bullshit!“, grummelt Don. „Ich lebe meinen Traum, und ich liebe dieses Leben. Wenn ich das hier alles verkaufen würde, wäre ich nicht reich, sondern verdammt arm...“. Wer diesen Mann als verrückten Typen bezeichnet, hat irgendwas im Leben nicht richtig verstanden.

Diesel Power: Mit diesem Truck reisen Don's Schätze zu Oldtimerveranstaltungen in Arizona.

Irgendwie scheint es heute besonders schnell Abend zu werden. Es ist offensichtlich für keinen der Besucher ein Problem, in dieser automobilen Geisterstadt einen ganzen Tag zu verbringen. Oder zumindest so lange zu bleiben, bis alle Speicherkarten der mitreisenden Kameras randvoll sind.

Kühlerfigur, die bereits im Stand über 120 miles/h erreicht.

Unten vor dem Eingang zur Gold King Mine hat sich unüberhörbar ein bunter Haufen Harley-Rider aufgebaut, sie wollen ihren Don zu einem Live Konzert in Jerome abholen. Ein kurzer Gruß, und wild aufbrüllend verschwindet seine Skinny Minny in einer Staubwolke, Don’s Lebensmotto im Besucherherz hinterlassend:

Never a dull moment.



Für Oldtimer Fans:
http://www.goldkingmineghosttown.com/

Für Tool Fans:
http://www.bloodintowine.com/


















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