Wo die wilden Keile wohnen.

(Trio emotivo: Lancia Stratos, New Stratos, F 430 Scuderia)

Sie stehen zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera, die drei wilden Keile, an diesem frühen Spätsommermorgen. Links Großvater Lancia Stratos mit seinem 2,4-Liter-Ferrari-V6, in der Mitte sein legitimer Enkel, der ganz in Sichtcarbon gekleidete New Stratos, und rechts im Bild ein weiteres berühmtes Mitglied der Familie, ein Ferrari F 430 Scuderia, dessen starkes Herz auch im New Stratos schlägt. Eine mit Spannung erwartete Premiere, und sie verlangt ein wenig Ehrfurcht von uns Dreharbeitern.

Das automobile Trio emotivo abwartend nebeneinander, still und unbewegt das Gegenüber reflektierend, ganz optischer Reiz, während eine Woge Endorphin über uns Betrachter zusammenschlägt. Jetzt noch die Triebwerke starten, die wilden Keile in Aktion erleben, vielleicht sogar selbst hinters Steuer setzen, wir würden in Glücksgefühlen schwimmen.

Emotionen sind komplexe Prozesse, Gefühle ihr subjektiver Ausdruck, wie wir wissen. Doch woher stammt dieses Gefühl, das uns gerade ergreift? Und warum erwischt es mich ganz besonders beim Grandseigneur des Trios, dem Lancia Stratos?

Einen ersten Hinweis gibt uns die Herkunft des Wortes Emotion (von ex „heraus“ und motio „Bewegung“), sie deutet auf die semantische Verbindung zu jener Erregungskurve hin, die allein durch die Betrachtung eines Objekts automobiler Begierde nach oben schnellt. Wobei die Intensität der Emotion durch die Stärke des physiologischen Reizes determiniert wird, ergänzt der Wissenschaftler.

Bezogen auf das Objekt Lancia Stratos handelt es sich um einen äußerst starken Reiz. Diese Sportwagen-Ikone ist ein extremes, ja geradezu irrwitziges Automobil, mehr Jagdflug- als Landfahrzeug, von einer Handvoll Motorsport-Fanatikern mit nur einem einzigen Ziel vor Augen entwickelt und gebaut: dem zügigen Gewinn der Rallye-Weltmeisterschaft.

Rückblick auf die Mitte der Siebziger Jahre. Mit infernalischem Gebrüll stürzt sich ein wildgewordener Keil auf die Pistenkönige vom Schlage einer Alpine, eines Escort oder 911er Porsche und befreit sie mit ein paar zielgenauen Gasstößen, schnellen Links/Rechts-Kombinationen und eleganten Haken von der Anwartschaft auf den Weltmeisterschafts-Thron. Und fährt so ganz nebenbei alles, was sich sonst noch auf den berühmten Rallyepisten dieser Welt tummelt, ebenfalls in Grund und Boden. Begleitet wird dieser spektakuläre Auftritt von Heerscharen begeisterter Zuschauer, die seinen kurzen, aber kurvenreichen Karriereweg hinauf in den Olymp des Rallyesports säumen, sprich: dem dreimaligen Gewinn der Rallye-Weltmeisterschaft in Folge. Ein Hattrick.

Drive fast, die young. Es gibt Zeiten, da fehlt das richtige Gefühl für derart charakterstarke Ausnahmetalente, oder es findet sich am falschen Ort. In der Marketingabteilung des Fiat-Konzerns, der sich bereits 1977 entschied, dem extremen Stratos zugunsten des biederen Fiat 131 den Geldhahn zuzudrehen, glänzte es jedenfalls durch völlige Abwesenheit.

Doch so schnell sterben angehende Legenden nicht. In den wenigen Jahren, in denen er über die internationalen Rallyepisten glühte, hatte sich der Stratos bereits einen Platz erobert, an dem auch die anderen wilden Kerle des Rennsports ein liebendes Zuhause finden: in den großen Herzen seiner Fahrer und Fans.

Womit wir wieder bei den Gefühlen wären.

Ich fühle, was ich sehe, sagt die Psychologie. Was aber sehe ich in einem historischen Stratos? Sicherlich nicht nur eine zweckmäßige Ansammlung von Stahl, Leichtmetall, Gummi und glasfaserverstärktem Kunststoff für den beschleunigten Personentransport. Ich sehe vor allem eine Manifestation radikaler Ideen. Und großer Gefühle.

Gefühle, die bereits über vierzig Jahre alt sind. Sie sind mit der Arbeit von Entwicklern, Designern, Konstrukteuren in den Bau des Stratos geflossen und dann mit ihm verschmolzen. Verborgene Energien, einer rationalen Erfassung entzogen, dennoch äußerst lebendig und durch bloßes Betrachten der kompromisslosen Keilform jederzeit abrufbar.

Es sind die großen Gefühle großer Visionäre, die wir da spüren. Nur begleitet von der völligen Negation der Möglichkeit grandiosen Scheiterns haben sie im Wechselbad von Leidenschaft, Frustration, Freude, Ärger, Stolz, Begeisterung, Spannung und Ungeduld den Bau dieser Legende erst möglich gemacht.

An dieser Stelle darf ich mich vor seinen begnadeten Geburtshelfern verbeugen: Persönlichkeiten wie dem Rennwagen-Konstrukteur Gianpaolo Dallara, dem visionären Designer Marcello Gandini, seinem Freund, Strategen und Lancia-Sportchef Cesare Fiorio, dem britischen Ingenieur und Rennfahrer Mike Parkes oder dem begnadeten Rallye-Werksfahrer Sandro Munari.

Sie alle haben mit dem Lancia Stratos nicht nur eine Ikone des Rallyesports geschaffen, sie haben ihm auch eine Seele gegeben. Trifft diese auf eine verwandte Seele im Betrachter, entsteht eine emotionale Verbundenheit, der man sich nie mehr entziehen kann. Im aktuellen Beispiel entsteht dann sogar eine neue Zukunft für den Stratos (Mehr dazu auf www.new-stratos.com).

Auf der anderen Seite erklärt das auch, warum uns so viele Automobile kalt lassen. Natürlich, es gibt ein paar Ausnahmen, wichtige Ausnahmen, aber die meisten modernen Gefährte beweisen nur die Emotionslosigkeit ihrer Erbauer.

Und so lange sich das nicht ändert, gebe ich mich ungebremst meiner Leidenschaft für die wilden Keile der Automobilgeschichte hin.

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